Nach Oben

24 Stunden CodeCamp

ein Tagebuch-Bericht

| Prof. Dr. Olaf Drögehorn

Wer in der Nacht vom zweiten zum dritten Februar die ehrwürdigen Hallen des Schwimmbads Wernigerode betrat, traute seinen Augen nicht. Dutzende von Kabeln bahnten sich ihren Weg durch den Empfangsbereich und mündeten in zahlreichen Rechnern und flackernden Monitoren.
Vor ihnen: Studenten. Einige in kurzen Hosen, andere mit tief gefurchten Augenringen oder einem Cornetto-Eis in der Hand. Was auf den ersten Blick aussieht wie der Schwimmhallenbesuch einer Partei mit dem Ruf nach mehr Transparenz, ist in Wirklichkeit ein 24-stündiger Programmierwettbewerb und gleichzeitig auch ein soziales Experiment. Sechs „zufällig“ zusammengestellte Dreier- oder Vierergruppe haben die Aufgabe innerhalb der vorgegebenen Zeit ein Software-Projekt zum Thema Marketing zu erstellen.
Um den Ablauf der 24 Stunden am besten zu illustrieren, hat uns ein Autor sein Tagebuch zur Verfügung gestellt.

Schon in dem Moment, in dem uns Prof. Dr. Drögehorn das Thema offenbarte, sah man wie es in den meisten Köpfen ratterte. Laut Aufgabe soll unser Produkt mit Marketing in Verbindung stehen und kollaborativ nutzbar sein. Des Weiteren ist es erforderlich mindestens drei Technologien aus der Vorlesung zu verwenden. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, ziehen sich einige zum Beraten in das Kinderplanschbecken zurück, andere durchforsten das Internet nach Ideen während wir um die Wette brainstormen.

Eintrag# 2 – 20:34Uhr
Weiterhin dringen wilde Diskussionen durch die Gänge. Wer genau hinhört, kann komplexe Anforderungsanalysen vernehmen, die sich ihren Weg von Gruppe zu Gruppe bahnen. Als wir dann endlich mit unserer Pizza-Bestellung dran sind, liegen zwar bereits vier missglückte Mind Maps hinter uns, aber wir haben es geschafft uns auf eine Pizza zu einigen.
Auch unser Projekt ist soweit festgelegt und es sollte eigentlich mit allen anderen gehörig den Boden aufwischen. (Spoiler! Wir waren zu dem Zeitpunkt noch sehr naiv.)

Eintrag #3 – 21:40Uhr
Mit der gelieferten Pizza kehrte Stille ein.
Es ist eine verschneite Nacht und die dicken Flocken stehlen den Sternen die Show. Immer wieder kommen kleinere Lawinen vom Dach gerollt während wir ganz besinnlich unsere Klassendiagramme und Ablaufpläne zusammenklicken. Aufgaben werden verteilt und man kann spüren wie Aufbruchsstimmung in der Luft liegt – neben dem penetranten Geruch von geschmolzenem Käse und Thunfisch.

Eintrag #4 – 23:40Uhr
Während sich die ersten bereits die Klamotten vom Leib reißen, um sich in der Sauna oder im Badezuber eine Pause zu gönnen, bekleiden wir weiterhin unsere grafische Oberfläche. Momentan ist unser Fenster noch so leer wie die Versprechungen die wir den Tutoren bei ihren regelmäßigen Rundgängen machen.

Eintrag #5 – 2:13Uhr
Immer wiederkehrendes Smalltalk-Thema Nummer 1: „Und was macht ihr so für ein Programm?“. Ich fühle mich gefangen in einer WHILE-Schleife. (== True Story!)

Eintrag #6 – 4:27Uhr
Regelmäßiges Ereignis im CodeCamp: Der Tutor kommt – nichts geht.

Eintrag #7 – 6:50Uhr
Einzelne Komponenten und die grafische Oberfläche unseres Programms stehen soweit. Wir beschließen den Meilenstein durch gemeinsames saunieren und flanieren im Badezuber zu feiern.

Eintrag #8 – 7:25Uhr
Nun komme ich so richtig ins Rollen. Die aufblasbare Kunststoffkugel im Beckenbereich ist endlich freigeworden! Badum Tss

Eintrag #9 – 8:02Uhr
„Das Sonnenlicht schickte die ersten Strahlen durch die ausufernden Fenster auf unsere ausgebrannten Seelen. Ich fühlte nichts, nur der durchgesessene Stuhl und der andauernde Kontakt zur Tastatur erinnerten mich an meine Existenz, mein Ziel, meinen Quellcode. Die Augenlieder wurden unglaublich schwer, die Bifis aus der Cafeteria bebten im Magen und meine Gedanken warfen eine OutOfBoundsException – abgefangen von einer Liege im Pausenraum.“

Eintrag #10 – 10:36Uhr
Die Morgenstunden machten uns allen hart zu schaffen. Selbst die hartgesottensten Hacker gönnten sich eine Prise Schlaf auf den Liegen oder gingen ein paar Bahnen schwimmen. Aber nun ist wieder alles im Lot und man kann das vertraute Klackern von Tastaturen endlich wieder aus allen Himmelsrichtungen vernehmen.

Eintrag #11 – 11:47Uhr
Medien- und Wirtschaftsinformatiker liegen sich in den Armen, einige weinen sogar. Nachdem mehrere Stunden lang das Internet weg war, blinken nun endlich wieder drei fette Balken im Symbolleistenicon. Zur Feier des Tages gibt Prof. Drögehorn den Capri-Sonne-Kühlschrank für uns frei. Hossa!

Eintrag #12 – 13:34Uhr
Die Server Anbindung unseres Programms klappt soweit und es ist als Prototyp auch schon mit sämtlichen Funktionen umsetzbar. Ich nutze die entstandene Pause um Codeschnipsel ins CodeCamp Wiki hochzuladen, lösche dabei fast alle Einträge und verschiebe die Aktion auf später.

Eintrag #13 – 15:54Uhr
Langsam geht es in die heiße Phase. Den meisten rinnt der Schweiß in Strömen von der Stirn während sie teilnahmslos nach vorne starren und ihren Geist entschlacken. In der Hitze des Gefechts vergessen einige sogar die Zeit. Aber nicht so bei mir. Noch vor dem nächsten Aufguss machte ich mich wieder an die Arbeit.

Eintrag #14 – 17:30Uhr
Noch eine Stunde, dann geht es zur Präsentation. Während sich die Ersten bereits mit einem Siegerlächeln in das Hallenbad verziehen, schlagen wir uns mit den „Shyamalan-Bugs“ rum.
Warum sie so heißen?
Weil sie, wie die Storytwists in den Filmen von M. Night Shyamalan, erst kurz vor Ende auftauchen, keinen Sinn ergeben und total auf den Sack gehen!

Eintrag #15 – 18:35Uhr
Endlich ist die (halbe) Stunde der Wahrheit angebrochen. In neongelben Flip-Flops und Badehose stellen sich die Studenten vor den Projektor und versuchen innerhalb von fünf Minuten ihr Programm vorzuführen, das Konzept zu erläutern und die potentiellen Marktchancen zu beleuchten.

Eintrag #16 – 19:07Uhr
Herauskommen sind sechs einzigartige Prototypen, die allesamt eine Menge Potential besitzen. Unsere Abgabe hat zwar leider nicht gewonnen, aber erste Plätze sind uns eh zu dekadent.

Eintrag #17 – 20:35Uhr
Die Rechner sind abgebaut, die Kabel aufgerollt und der Müll entsorgt. Hier trennen sich die Wege. Es heißt Abschied nehmen.
Abschied vom tropischen Hallenbadklima.
Abschied vom riesigen Kunststoffball.
Und vor allem Abschied von einstigen Partnern.

Schluss machen ist partout nicht leicht. Jedoch, eins erleichterte den Prozess ungemein:
Die Langzeitbeziehung, die mit dem eigenen Bett in Aussicht stand.
_____________________________________________________________________________

Vieles in diesem Tatsachenbericht war vielleicht überspitzt formuliert, aber die Wahrheit ist, dass Prof. Dr. Drögehorn und die Tutoren mit dem CodeCamp ein wunderbares Event organisiert haben. Innerhalb von 24 Stunden ein Projekt auf die Beine zu stellen, ist eine einzigartige Form der Prüfungsleistung, die den ohnehin schon praxisorientierten Ansatz der Vorlesungen noch weiterhin ausführt. Auch den städtischen Bädern Wernigerodes sei gedankt für die zur Verfügung gestellte Location und Verpflegung, die die Veranstaltung erst so richtig abgerundet haben.

Autor: Stefan Bauer

%d Bloggern gefällt das: