Nach Oben

Der Räuber

oder Du mußt dein Leben ändern

| Prof. Martin Kreyßig

Das Genre des Gefängnisfilms ist seit jeher ein Genre des Sports, der Trainingseinheiten und des Wettbewerbs unter meist brutalen und erniedrigenden Bedingungen. Der elaborierte Körper des Gefangenen, gestählt in der Vierung der Einsamkeit im Wettbewerb mit sich selbst, wird dereinst nach aussen – in eine falsche Freiheit – zurückkehren, sei es, um sich zu rächen oder Buße zu tun. Beide Möglichkeiten verlaufen gleichsam zwanghaft.

Der Österreichische Film „Der Räuber“ ergänzt dieses weite Genre um einen schlaksigen Langstreckenläufer, dem ein Laufband in der Zelle genehmigt wird, um in der Zeit zu trainieren, was der Raum nicht ermöglicht. Der 2.8 Millionen teure Film ist eine Beobachtung, eine subtile Kameraarbeit, die einen laufenden Serientäter portraitiert, einen Motor, der nicht zu stoppen ist, weder in der horizontalen Bewegung noch in der schier endlosen Zahl seiner Banküberfälle, immer nach dem gleichen Muster. Er kann nicht viel, wie alle Gangster, das Wenige aber versteht er bestens und ist nicht einmal durch eine Liebe in seinem Daueramoklauf zu stoppen. Sein weisses sterbendes Gesicht am Rand der Autobahn, sein verglühender Atem zunehmend asynchron zu den stetig fleissig reinigenden Wischblättern, zeigt das Ende rasender Ungeduld und zielloser Rastlosigkeit.

Ist dies der kurze Film zum dicken Buch (714 Seiten) des Philosophen Peter Sloterdijk, der in seinem Werk „Du mußt dein Leben ändern“ das Gedicht von Rainer Maria RilkeArchäischer Torso Apollos“ aufgreift, um von dort aus die Geschichte der Menschheit als einen ununterbrochenen Drang nach dem Höheren nachzuzeichnen? Sloterdijk gelingt in diesem zentralen Werk des ersten Jahrzehnts im 21. Jahrhundert Sinn und Wahnsinn der individuellen wie der gesellschaftlichen Spannung aufzuzeigen, die uns alle beständig zu Höchstleistungen antreibt, geraten sie zum geistigen Ruhme, zu bejubeltem Körperkult oder in die vollständige Vernichtung unserer Lebensumstände.

Der Räuber, nach dem Roman von Martin Prinz spielt solch eine traurige Mechanik in wunderbar einfachen Tönen und eröffnet damit einen Spannungsraum, der Spiegel bietet, Anstrengung, Wille und Ziel einmal mehr zu überdenken.

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