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Kabelbinder

| Prof. Martin Kreyßig

Die Schönheit von Industrieprodukten ist unbeschreiblich. Beim regennassen Schlendern durch den urbanen Dschungel stolpert man an vielen Ecken und Strecken über die sogenannte Stadtmöblierung. Diese ungezählten formschönen und besonders formhässlichen Objekte bevölkern den Stadtraum in Scharen, gestaltet und aufgestellt zu groben Barrikaden oder einsam isolierten Waisen, die das Blickfeld und den Weg der Passanten lenken, steuern, führen und begleiten.

Interventionen kreativer Geister interagieren immer wieder mit dem geordneten Stadtmöbel, so auch diese Kabelbinderinstallation an einem Stahlpoller mitten in Hamburgs Innenstadt. Der stählerne Poller will den Autoverkehr in einem Fussgängerbereich verhindern. Die Stelle ist gut gewählt, denn hier fließt die aufgestaute Alster durch das Alsterfleet südwärts in Richtung Elbe. Im Bild sieht man die heutige Bebauung, wo vor langer Zeit Mühlen standen, angetrieben durch das abfließende Wasser der aufgestauten Binnenalster. Denn diese flache norddeutsche Gegend kennt kein Gefälle, Energie aber wurde zum Mehl mahlen benötigt. Sternförmig sind die weissen Kabelbinder angeordnet, ein wilder Wegweiser entsteht, der mitten auf dem Weg sein helles Strahlen entfaltet.

Begebenheiten wie diese erinnern an die Arbeit des britischen Künstlers Richard Wentworth, der mit seiner Serie „making do and getting by“ spannende und gedehnte, willkürliche und präzise gesetzte Situationen fotografisch festhielt. Eingriffe, Spuren, Meditationen, Brüche, Pausen, Momente, die das gestaltete Einerlei, den verordneten Gestaltungstrieb administrativer Prozesse durchlöchern, sprengen, brechen. Ein Lachen entsteht.

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