Nach Oben

Nacht / Tag / Aussen / Stuhl

| Prof. Martin Kreyßig

Welcher Plot steckt in diesem gelben Stuhl? Seit Tagen, vielleicht schon Wochen steht er unbeweglich dicht neben der Strassenlaterne, schaut den Eichberg hinab, dem heraufklecksenden Verkehr entgegen und harrt dort starrbeinig der Dinge, Zeiten und Bewegungen.
Bietet er auf der Reise nach Jerusalem einen freien Sitzplatz, eine Rastmöglichkeit für Friedhofbesucher, dem müden Wanderer auf dem Weg hinauf zur Jugendherberge einen Aussichtspunkt? Oder dient er den Studierenden und Mitarbeitern im Haus 9 der Hochschule Harz, der ehemaligen Papierfabrik als Denkstelle, Alterssitz, zur Meditation? Stellen sich demnächst weitere Stühle in anderen Farben dazu, bilden sie einen Kreis oder einen Stapel? Wird der gelbe Stuhl schon in Bälde verschwunden sein, fliehen oder geraubt?
Die Sitzfläche in der Nacht, beleuchtet von der Laterne, an die sich der gelbe Stuhl anzuschmiegen scheint, projiziert zwischen die vier stählernen, dünnen Beine ein gesiebtes Rechteck auf den Boden, als stünde der Stuhl auf der Äquatorspanne, beleuchtet von einer senkrecht stehenden Sonne. Nachts, eine stillstehende Uhr? Oder nur ein aus der Zeit gefallener Ort, eine künstliche Projektion?

„Diebe, Räuber!“ Jetzt macht es mich natürlich traurig. Verschwunden, heute, gekidnappt. Niemand wird die Wirklichkeit mit der Erzählung abgleichen können. Oder doch? Vielleicht erinnert sich noch jemand … an diesen gelben Stuhl.

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