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Passagen

| Prof. Martin Kreyßig

Schritte, Schritte. Wer in diesen Tage durch Berliner Ausstellungen flaniert, erlebt spannende Momente politisch motivierter Ästhetik, die parallel zur Aufgabenstellung für das 1. Semester zu lesen sind. Hier hat Florian Fischer die Aufgabe „Empört Euch“ vorgeschlagen, entlang des kurzen Textes von Stephané Hessel, Sohn des Franz Hessel, der als Schriftsteller einst durch das noch unzerstörte Berlin flanierte.
Die erste dieser Passagen führte mich in die ? Galerie, die derzeit Fotografien zum Thema Terrorismus ausstellt:
„unheimlich vertraut. Bilder vom Terror“. Täter- und Opferbilder, Tatorte, mediale Inszenierungen zum Thema, künstlerische Überhöhungen auch in Form multimedialer Erzählungen und Installationen. In einem Seitengelass findet man die Fotografien der Kriegsberichterstatterin Anja Niedringhaus und deren Bilderzyklus „At War“. Bedrückung ohne Sentimentalität, Fakten, Schrecken, namenlose Menschen aber auch.
Als Gegenstück mag die Ausstellung von Taryn Simon in der Neuen Nationalgalerie fungieren. Hier öffnen sich Erzählungen von Menschen in Fotografien, fotografischen Fundsachen und Texten: „A Living Man Declared Dead and Other Chapters“. Eine aufwändig gestaltete Inszenierung großer Bildkästen, deren Farbe, Größe und Gestalt exzellent in den weit atmenden Ausstellungsraum von Mies van der Rohe gesetzt sind. Jede der 18 Geschichten erzählt in immer gleich ausgeleuchteten Portraits je eine Geschichte von diesem Erdball, in der aus Menschen Namenlose, Entrechtete gemacht werden zum Zweck der Vorteilnahme durch mächtigere Menschen. Umfassende Recherchen zu Einzelschicksalen ermöglichen Taryn Simon diese Weltumrundung im Namen derer, die vergessen sind. Taryn Simon holt ihre Schicksale ans Licht, verbindet textuelle Fakten mit einem wissenschaftlich anmutenden Bildapparat, der seziert, aufzeichnet, dokumentiert. Fest hält.

60 Jahre vorher reist der engagierte amerikanische Fotograf William Eugene Smith durch die Welt und erstellt im Auftrag von LIFE Reportagen. Immer unglücklich mit dem Ergebnis, da Redakteure seine Bilder beschneiden, die Geschichten und Auswahl eigenhändig umsortieren, kündigt er 1954 und arbeitet fortan auf eigene Faust. Eindrucksvoll die zwischen 1971 und 73 selbstständig produzierte Geschichte der Bewohner von Minamata in Japan, die Opfer industrieller Quecksilbereinleitungen ins Meer wurden. Mit großer Nähe und Intimität nähert er sich den Menschen, weil er unter ihnen lebt, an ihrem politischen Kampf gegen die Verursacher der Katastrophe beteiligt ist. Hier gelingt es ihm, den politischen Deformationen der Massenmedienmaschine zu entkommen und die Fotografie als ein Medium der Wahrheitsfindung zu präsentieren. Zu sehen im Martin-Gropius-Bau.

Man könnte mit Unterstützung einer App noch eine Passage zur historischen Ausstellung des vor 200 Jahre durch Freitod gestorbenen Schriftstellers Heinrich von Kleist schlagen, der sich unter anderem als Journalist und Herausgeber versuchte. Das Zeitungs- und Wahrheitsprojekt dieses ersten modern denkenden, schreibenden deutschen Schriftstellers wurde aber nach nur zwei Monaten vom preussischen Staat wegen seiner aufmüpfigen Texte verboten. Denn an der Wahrheitssuche und -findung hatte man staatlicherseits kaum mehr Interesse als in unserer Gegenwart.

Am Ende verknüpft Tomás Saraceno in seinen „Cloud Cities“ alle Fäden zu hängenden Gärten, atmenden Treibhauskugeln, plastische Bilder unseres Habitat, architektonische Strukturen frei nach Buckminster Fuller.

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