Nach Oben

Tutor as a fountain

| Prof. Martin Kreyßig

Ich mag die verständlichen Symbole von AIGA. Ohne Worte. International. Präzise. Schnell. Ohne jede Redundanz im Informationsgehalt. Bei Betrachtung des Wasserspeiers – Quelle, Labsal, Erfrischung, Moment der Ruhe – irgendwo im Nirwana eines Flughafens oder Bahnhofs installiert, in the middle of nowhere – „watering holes“ – fällt mir Hochschule ein. Nach Christopher Vogler „The Writer’s Journey“ sind „watering holes“ Orte in der Filmerzählung, an denen man Freunde findet, Menschen beobachtet, regionale Besonderheiten verstehen lernt, aber auch Konfrontationen erlebt (Westernsaloon) oder unter Zeitdruck Informationen sucht. Natürlich ist ein Studium keine Kneipentour (obwohl … für einige wenige …), aber es ist ein besonderer Ort der Verdichtung von Zeit und Raum: Lernen und Leben auf engem Raum in kurzer Zeit. Kompression, Leistung, Entspannung. Gerade sind wir ja in der Prüfungszeit, da kommen viele Momente zusammen, verknoten sich und daran schließt sich ein wenig Entspannung an, hoffentlich. Die Quelle ist also ein entscheidender Ort fürs Leben und Überleben und in Bezug auf Wissensvermittlung eine Metapher für Geben und Nehmen.

Was kommt rein, was kommt raus? Die Frage stellt sich bei Betrachtung des Wasserspeierzeichens aber auch bei der Photographie des amerikanischen Künstlers Bruce Nauman „Self-Portrait as a Fountain“, 1966-67. Die Umkehrung des Wassertrinkers zu einer Wasser speienden Person, die Verkehrung von Angebot und Nachfrage ist hier neben Aspekten um einen lebendigen Brunnen, den man sich als Angebot an die Reisenden am Flughafen nur bedingt vorstellen kann, besonders interessant. Künstler entwerfen Springbrunnen und werfen – bei Nauman – gleichzeitig ästhetische Fragen auf. Etwa nach Ursprung und Wirkung oder Anfang und Ende. Vielleicht lenkt er auch nur den Blick auf sich als jemand, der etwas (an-)bietet. Wenn man lernt und das Gelernte, etwa als Tutorin oder Tutor an die jüngeren Jahrgänge unter den Studierenden weiter gibt, dann haben wir diesen Umkehrungseffekt. Das Erlernte verdichtet sich bei den lehrenden Tutoren noch einmal ganz anders, der Stoff verfestigt sich. Fragen werden mit einer anderen Intensität bearbeitet, wenn man Antworten liefern muss, wenn man das Erlernte in eigene Worte zu fassen hat.

Ohne Tutoren wäre die Hochschullehre bei uns und anderswo aufgeschmissen. Die Tutoren unterstützen uns bei so vielen Aufgaben und werden seit letztem Jahr endlich auch besser bezahlt und die nächste Stundenlohnerhöhung kommt im April 2010. Tutor gewesen zu sein, macht sich im Lebenslauf besonders gut, weil die Firma erkennt, hier kommt jemand, der in der Lage ist zu vermitteln, ist bereit, weiterzugeben. Tutoren sind also wie alle Lehrenden Quellen, die sich vorher mit Material versorgt haben. Sie erzählen etwas weiter, geben etwas ab, lassen andere teilhaben und verbessern ihre Fähigkeiten durch diese Aufgaben. Tutoren sind Springbrunnen.

%d Bloggern gefällt das: