Nach Oben

Üben, proben, versuchen

| Prof. Martin Kreyßig

Klassisch ausgebildete Musiker üben täglich viele Stunden, nicht nur um das Instrument immer virtuoser zu beherrschen, sondern auch um neue „Literatur“ einzustudieren. Da sie die Musik interpretieren, müssen sie sich diese Interpretation erarbeiten und gemeinsam mit ihren Kollegen, etwa in einem Orchester, ein gemeinsames Klangbild erzeugen.

Ich hatte am Ostermonat die Freude am Nachmittag an einer Probe des Sinfonieorchester des SWR unter der Leitung seines Chefdirigenten Sylvain Cambreling in der Hamburger Laeiszhalle teilzunehmen. Geprobt wurde das Stück „…auf…“ I bis III (2007) für Orchester des französischen Komponisten Mark André. Der Orchesterraum war eng besetzt und im Konzertsaal verteilt spielten noch weitere Musiker auf verschiedenen Percussionsinstrumenten. Viele besondere, feine, ungehörte Klänge wurden von diesem auf zeitgenössische Musik spezialisierten Orchester erzeugt, das Wasserglas auf den Saiten des Konzertflügels von Christoph Grund gehört in der neueren Musik dabei fast zum Standard.

Zudem wurden vorproduzierte Klänge über im Raum verteilte Lautsprecher eingespielt. Diese Klänge wurden räumlich bewegt, so dass der Zuhörer vollkommen immersiv von der Musik umgeben war, ein Stück des Klangkörpers wurde. Die räumliche Dimension von Tönen, Geräuschen, Musik ist immer spannend, denn sie vermittelt unmittelbar das in-der-Welt-sein. Wenn dann noch der Raum quasi bewegt wird, weil die Töne den Zuhörer umfließen, gelingt ein fast fliegendes, schwebendes oder schwereloses Erlebnis.

Später wurde noch das Violinkonzert von Johannes Brahms mit dem Hamburger Violinist Christian Tetzlaff geübt, das war aber weniger berauschend. Der Abend wurde vollständig in 5.1-Technik aufgezeichnet, denn es handelt sich ja um eine Radiosymphonierorchester.

Mir gingen während der drei Stunden (unkonzentriert zwischendurch) die beiden Filme mit dem Thema Orchesterprobe durch den Kopf, immer wenn der Dirigent zwischendurch „abklopfte“, um eine Stelle erneut spielen zu lassen. Einmal der Kurzfilm „Orchesterprobe„, Deutschland 1933 von Karl Valentin und der abendfüllende Film des italienischen Regisseurs Federico FelliniDie Orchesterprobe““ aus dem Jahre 1978. Dazwischen dachte ich auch an den Film von J.-L. Godard „Prenom Carmen„, 1983 gedreht. Hier wird das Üben eines Beethoven-Quartetts immer zwischen die Handlung eingeschnitten. Das erneute Ansetzen, die Wiederholung kontert und unterbricht die sukzessive ablaufende Zeit der Filmvorführung, passt sich aber wunderbar der sprunghaften Narration an. Godard brüllt an einer Stelle in einem Dokumentarfilm „Making-of“ (Titel vergessen) seinen Kameramann an, er sei zu wenig geübt, es reiche nicht ein- oder zweimal im Jahr die Kamera in die Hand zu nehmen und zu denken, man könne mit diesem Instrument virtuos umgehen. Godard setzt die Kamera dem Musikinstrument gleich und verlangt tägliches Üben.

Wir werden in diesem Semester in der BFO Sounddesign im 6. Semester versuchen Geräusche, Klänge, Sounds und Musik für Kurzfilme im Sourroundklang 5.1 zu gestalten. Diese Herausforderung ist groß, denn schon eine komplexere Gestaltung der Soundebene ist besonders langwierig, schwieriger noch den Quellen Positionen im Raum zuzuordnen. Aber es macht unglaublichen Spaß, wenn der zweidimensionale Film sich in den Raum ausbreitet, Ereignisse vorher andeutet oder nachklingen lässt, wenn aus dem Off der Zuschauer/ Zuhörer zusätzliche Informationen erhält, die im On des Bildes nur angedeutet werden.

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