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Farbengeschichten

| Prof. Martin Kreyßig

Wenn morgen das Sommersemester beginnt, startet auch die Veranstaltung Filmtechnik / Filmschnitt im 2. Semester bei Lothar Werthschulte und mir. Hier werden Kurzfilme zwischen 3-5 Minuten Länge hergestellt, die ein kleine Geschichte visuell, akustisch und dramaturgisch in laufende Bilder umsetzen. Eine, wie ich finde, wunderbare Semesteraufgabe, der man sich das ganze Leben widmen kann.
Für die Erzählung, die einem kurzen Film zugrunde liegt, finden sich viele Quellen. Die wichtigste Quelle aber ist der oder die Filmemacherin selber, denn überzeugend gelingen Geschichten nur, wenn sie mit Herzblut erzählt werden und das sind oft Begebenheiten, die man selber erlebt hat. Mit den Geschichten ist es so wie mit anderen Sachen auch, man kann sie besser beurteilen, wenn man schon ein paar gute gesehen und gelesen hat. In der Bibliothek stehen über hundert DVDs mit wunderbaren Spielfilmen aus mehr als einhundert Jahre Filmgeschichte. Das hilft. Und wer viel ins Kino geht, wird dort alle Facetten des Erzählens finden, die heutzutage modern sind.

Schaut man Filme genau an, mehrfach, entdeckt man sehr viele Details, die ihre Wirkung für eine Geschichte entfalten. Ich möchte hier den Film „Barbara“ von Christian Petzold erwähnen (Silberner Bär für die Beste Regie, Berlinale 2012). Eine schwierige Liebesgeschichte zu Zeiten der DDR. Verletzte Seelen, die wunderschöne Nina Hoss, aufrechte und labbrige Charaktere. Und das Ganze spielt in einem Ambiente, wie es schon jetzt in den neuen Bundesländern kaum mehr zu finden ist. Dieser Film atmet die untergegangene Epoche aus jeder Pore. Die Farbstimmungen, fotografiert von Hans Fromm, gehören zum Schönsten, was ich seit langem im deutschen Kino gesehen habe.
Wer sich für Geschichten aus dieser untergegangenen Welt interessiert, muss lesen oder mit Menschen sprechen: Eltern, Großeltern, Verwandte und Bekannte. In deren Erinnerungen sind viele Stories versteckt, Momente auch, die sich in einem Kurzfilm fassen lassen.
Im Film „Barbara“ wird in einem zweiten Strang die Geschichte eines weggelaufenen Mädchens erzählt, die Barbara am Ende rettet. Die Figur erinnert an den Roman „Das Mädchen“ von Angelika Klüssendorf. Die brutale, beklemmende Skizze einer weiblichen Jugend in einem diktatorischen Regime. Sprachlich komplex und überwältigend liest sich Reinhard Jirgls „Genealogie des Tötens„, unterhaltsamer, aber ebenso genau geschrieben sind die Lebensgeschichten von Ingo Schulze:

Simple Storys. Ein Roman aus der ostdeutschen Provinz. Berlin, Berlin Verlag 1998
Handy. Dreizehn Geschichten in alter Manier. Berlin, Berlin Verlag 2007
Neue Leben. Die Jugend Enrico Türmers in Briefen und Prosa. Berlin, Berlin Verlag 2005

Uwe Tellkamps „Der Turm“ gibt einen stilistisch ausgereiften Einblick in die eher bürgerlichen Charaktere des untergegangenen Staates, Günter de Bruyns Lebensbericht „Vierzig Jahre“ blickt aus der Sicht der älteren Generation auf das ehemalige Eiland. Und wer sich für politische Biografien interessiert, dem sei der Roman „In Zeiten abnehmenden Lichts“ von Eugen Ruge empfohlen. Ein manchmal hölzern gestrickter aber spannender Familienroman, der vier Generationen beschreibt, ihr Leben mit und im Kommunismus.
Das sind nur ein paar Splitter der Nachwendeliteratur. Sie alle helfen aber eine Stimmung wiederzufinden, Farben und Gerüche, die zusehends schneller entrücken, fliehen, verschwinden. Ein Film kann Erosionsprozesse der Seelen nur andeuten und ein paar Augenblicke davon nacherzählen.

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