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Silent Wishes

| Prof. Martin Kreyßig

Bei kaum einem Fotografen gehören Eros und Thanatos so eng zusammen wie bei Araki. Von den ersten Momenten einer großen Liebe in „My Wife Yoko“ bis zu deren Tod 1990 festgehalten im Zyklus „Winter Journey“ begleitet Nobuyoshi Araki (*1940 in Tokio) seine Frau Yoko in privaten, intimen und öffentlichen Momenten. Seine Fotografien erscheinen leicht, wie zufällig arrangiert, ohne Aufwand um den fotografischen Akt. Immer steht diese Frau im Mittelpunkt, ihr Blick, ihre Gesten. Ein Leben mit der Kamera, mit dem fotografierenden Ehemann. Ihr Blick führt daher oft direkt durch das Objektiv in das Auge des Betrachters, der wir nun sind. In diesen teils sehr frühen Bildern sind bereits alle Obsessionen Arakis kenntlich: Tradition und Ordnung, Begehren und Stille.

Wenn man sich an diesen wunderschön gruppierten schwarzweiss Fotografien erfreut hat, auch an ihrer traurig-sentimentalen Schönheit, kann man sich in den Hamburger Deichtorhallen noch die Arbeiten des russischen Fotografen Sergey Bratkov anschauen. Hier haben mich nur die inszenieren „Bedtime Stories“ interessiert, bitterböse Arrangements, die ganz im Sinne eines Vladimir Sorokin das zeitgenössische Leben in Russland karikieren.

Gegenüber in der blöderweise nicht klimatisierten Nordhalle kann man sich stundenlang Videofilme, Fotografien und Installation aus der Sammlung Julia Stoschek anschauen. Selten bekommt man die Gelegenheit so viele Einzelwerke besonders der filmischen und multimedialen Gegenwartskunst anzuschauen. Konzentrierte Arbeiten (Gloss, Matt Calderwood) stehen neben apokalyptischen Politinstallationen (Xanadu, Robert Boyd), eine 3D-Videoproduktion von Björk (Encyclopedia Pictura) neben reduzierten Arbeiten der späten 60er Jahre (Wege zum Nachbarn, Lutz Mommartz). Politische, ästhetische Ansätze, Inferno, Farce und Sexualität bieten unglaubliche Schaulust. Es ist spannend, wie der filmische Kinokosmos durch die künstlerischen Filmwerke „ungenierter, aufsässiger Körperlichkeit“ beständig erweitert wird, die wiederum das Museum erobert haben und dort die Multiplikation der Bildkunst um den Faktor Zeit (t) betreiben: Der Film „Empire“ von Paul Pfeiffer dauert 3 Monate.

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