• FUNDSTÜCKE 17 Apr 2014 | 3:17 pm

    Typofunde 1
    von links nach rechts:
    1. Hannover-Georgengarten 23. September 2005
    2. Quito/Ecuador 29. Juli 2009
    3. Braunschweig 26. April 2008
    4. Quito/Ecuador 28. Juli 2009
    Typofunde 2
    von links nach rechts:
    5. Johannesburg/Südafrika 28. April 2006
    6. Johannesburg/Südafrika 28. März 2006
    7. Nürnberg 23. Mai 2010
    8. Goslar 16. September 2006

    Dies ist der Beginn einer wöchentlichen fortgesetzten Serie von Fundstücken mit jeweils 4 Fotos aus meinem Bildarchiv.
    Bei Reisen ins Ausland - aber auch bei Spaziergängen im nahen Umfeld bleibt mein Blick oft am Boden, an Wänden, in Schaufenstern, auf Hausfassaden an eigenartig anmutenden Strukturen hängen, an verwitterten Oberflächen, an nicht einzuordnenden Mustern, an organische Strukturen, deren Entstehungsprinzip und Formenvielfalt mich faszinieren. Manchmal sind es auch eigenartige Objekte aus Mechanik und Wissenschaft - meist in Details (in der Renaissance gab es die Kunst-/Wunderkammern, später die Kuriosenkabinette). Einige dieser Fundstücke will ich in nächster Zeit in dieser fortlaufenden Serie in diesem Blog zeigen.

    Es beginnt mit gefundener Schrift - meist Schriftfragmente. Wie gebannt und fasziniert versuche ich diese typografischen Palimseste zu entziffern. Diese fast entschwundenen Formen und Zeichen wirken auf mich wie Botschaften, die in ihren verwitterten Oberflächenstrukturen durch Verletzungen, Verwerfungen und durch die Zeit überprägt und fast unsichtbar geworden sind. Oft sind diese Schriften überklebt, übermalt, gesprayt, zerrissen. Manchmal sind es ältere Notizen, Werbung, agitatorische Schreie, die langsam sedimentieren. Früher glänzend, schreiend, schön. Heute verhalten, brüchig und flüsternd.

    Was passiert beim Fotografieren dieser Objekte? Der wichtige Eingriff und damit eine Konservierung geschieht durch das Festhalten als fotografisches Abbild und in der Wahl des Ausschnitts. Damit werden diese Formen wieder aus ihrem vergänglichen Zusammenhang herausgeschält und ihre eigene innewohnende Schönheit und ästhetische Qualität in der Transformation ihrer Auflösung sichtbar gemacht. Und sie werden aus dem Zusammenhang gerissen und dadurch überhöht. Die Verwitterung von Holz, Papier, Stein, Metall als "anonyme Skulpturen" thematisiert die dokumentarische und künstlerische Fotografie - manchmal mit dem Makroobjektiv fortgeführt. Dabei wird die Verwitterung oder das Aufhalten dieser Prozesse zum Thema,, aber auch die Fortführung dieser Transformation.

    Die Fotografie hat den Prozess der Verwitterung und Vergänglichkeit oder das Aufhalten dieser Prozesse in der Neuen Sachlichkeit und aktuell u.a. in dem fotografischen Werk thematisiert.
    In einer Ausstellung im Mönchehaus Goslar (Lost Paradise. Blumenbilder in der Fotografie der Gegenwart, 11. 08. bis 23. 09. 2012) wurde dies anschaulich durch die Arbeiten von Fischli / Weiss, die das Werden und Vergehen in einem Bild zugleich darstellen. Die auch in den welken Blumen von Nobuyoshi Araki, der Arbeit von Vera Mercer, die ihren Blumen in der Fotografie verwesen lässt, in dem sie ihnen ihre Farbe entzieht und Michael Wesely, der durch extreme Langzeitbelichtung im Prozess der höchsten Blüte den Verfall sichtbar macht.

    In der Kunst hat Leonardo da Vinci diesen Prozess dieses Finden und unvoreingenommene Betrachtens u.a. von bunt gefleckten Mauerstrukturen, Wolkenbildern in seinem Traktat: "Trattato della pittura" empfohlen und festgestellt, dass man dadurch "wunderbare Erfindungen" machen kann, die zu neuen Landschaftsbildern, zu figürlichen Darstellungen und neuen Mustern und Strukturen anregen können.

    Typografisch aufgegriffen wurde das Thema durch den tschechischen Künslter Jirí Kolár in seinem poetisch anmutenden Werk, die geprägt sind durch Assemblage (Collage aus unterschiedlichen Techniken und Materialien, Chiasmage (Text aus Buch und Handschrift in kleinste Fetzen zerrissen und mit Flächen neu kombiniert, durch Crumbelage (Zerknüllung), Gefundener Collage (Fundstücke werden neu zusammengesetzt), durch Abrieb, Décollage (Zeitungsabriss), Rollage und Tiefengedicht .

    Diese Faszination des Gefunden, der Neuinterpretation, die Faszination und Kritik an der Bildsprache der Konsumwelt griffen viele avantgarditischen Künstler in den 50er/60er Jahren in ihren Werken auf - um nur einige zu nennen: die Künstlergruppe Fluxus, Robert Rauschenberg, bei Richard Serra mit seinen rostenden Stahlplastiken" in denen die Patina" als ästhetischer Wert" eingesetzt ist. Bei Dieter Rot, der diese Transformationsprozesse von vergänglichen Materialien in seiner Arbeit gezielt eingesetzt hat, François Dufrêne, Raymond Hains, Mimmo Rotella, Jacques de la Villeglé, Wolf Vostell. Daniel Spoerri (u.a. mit seinen Fallenbildern) bis zu Damien Hirst.

    Deshalb - schaut euch um - schaut hin.

    Eberhard Högerle

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